3. Europäische Quilt-Triennale
Wettbewerb der Europäischen Quilt-Triennale
Zum dritten Mal fand im Frühjahr diesen Jahres der Wettbewerb der Europäischen Quilt-Triennale statt, dessen Ergebnisse die Textilsammlung Max Berk Kurpfälzisches Museum vom 15. Oktober 2006 bis 21. Januar 2007 in Heidelberg zeigt.
Eine mehrköpfige internationale Jury, bestehend aus den Künstlerinnen und Dozentinnen Karen Fleming (Irland), Inge Hueber (Deutschland), Marga Persson (österreich), der Herausgeberin von Textilforum, Beatrijs Sterk (Deutschland), sowie den Museumskuratorinnen Helene Blum-Spicker (Deutschland), Ursula Karbacher (Schweiz) und Kristine Scherer (Deutschland), hatte die schwierige Aufgabe zu erfüllen, aus 221 eingesendeten Arbeiten von 164 Bewerber/innen eine repräsentative Auswahl zu treffen. Im Unterschied zur 1. Triennale vor sechs Jahren, deren Zielsetzung seinerzeit den neu zugelassenen ausländischen Bewerberinnen noch nicht so bekannt gewesen sein mag, waren die Einsendungen traditioneller Quilts dieses Mal stark zurückgegangen. Dennoch tat sich die Jury bei der Auswahl sehr schwer, denn wirkliche Highlights und Newcomer waren rar und die Beteiligung ausländischer Quilter/innen (v.a. aus Großbritannien) relativ gering. Und so ist es nicht verwunderlich, dass 9 der 37 ausgewählten Künstlerinnen auch an der diesjährigen European Art Quilts teilnehmen, und der prozentuale Anteil deutscher Quilterinnen sehr hoch ist. Diese Entwicklung sehen wir durchaus kritisch und erlauben uns daher ein paar Worte in eigener Sache: Noch zu Zeiten der deutschsprachigen Biennale wurden viele Stimmen laut, wir sollten doch ein Forum auch für ausländische Quilter/innen schaffen. Nach reiflichen überlegungen haben wir diesen Schritt vollzogen, seinerzeit nicht wissend, dass andere europäische Wettbewerbe im Entstehen begriffen waren. Nicht immer ist es uns in den vergangenen sechs Jahren gelungen, Termine mit den anderen Veranstaltern zu aller Zufriedenheit abzustimmen, aber der Kooperationswille war und ist vorhanden. Es wurden sogar Versuche zur Zusammenlegung der Wettbewerbe unternommen, bislang aber leider ohne Erfolg. Ein Umdenken und das Bündeln von Kräften wäre gerade in Anbetracht der Vielzahl der Patchwork-Events und der zunehmenden Bedeutungslosigkeit der Textilkunst sehr wichtig, um sich als Institution mit geringen Mitarbeiter- und Geldressourcen weiterhin behaupten zu können. Was können die deutschen und ausländischen Quilter/innen tun, um Wettbewerbe wie den unseren weiterhin attraktiv zu gestalten? In erster Linie sich ernsthaft und rechtzeitig auf die kommende Triennale vorbereiten, den Termin Frühjahr 2009 bereits im Kalender vormerken. Viele Anfragen bezüglich der Ausschreibungsunterlagen erreichten uns kurz vor oder kurz nach der Deadline, und dies, obwohl der Termin bereits ein Jahr zuvor angekündigt war. In zweiter Linie – wie es bereits Beatrijs Sterk in Textilforum gefordert hat – mehr Augenmerk auf die gestalterische Konzeption eines Quilts legen: Handwerkliche Perfektion sowie schöne Stoffe oder neuartige Materialien reichen in den seltensten Fällen aus, die künstlerischen Anforderungen zu befriedigen. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Gut gearbeitete traditionelle Quilts sind nicht weniger reizvoll als art quilts, aber die Triennale hat es sich nun einmal auf die Fahne geschrieben, zeitgenössische künstlerische Quilts zu fördern und damit neue Wege aufzuzeigen. Drittens andere in- und ausländische Quilter/innen zur Teilnahme am Wettbewerb anzuspornen, denn das Potenzial von Mundpropaganda ist durch nichts zu ersetzen. Natürlich sind auch wir für Anregungen und Kritiken zugänglich, diese sind sogar sehr wichtig für uns, damit auch wir uns neu orientieren und positionieren können.
Trotz dieser nachdenklichen Bemerkungen meinen wir, dass auch dieses Mal eine repräsentative, qualitätvolle Ausstellung zustande gekommen ist, die in der Prämierung von drei sozialkritischen, dunkel gehaltenen Arbeiten wohl den Zeitgeist widerspiegelt.

Linda Colsh „Cold Shoulder"
So hinterfragt der mit dem ersten Preis bedachte Quilt „Cold Shoulder“ der in Belgien lebenden Amerikanerin Linda Colsh unseren Umgang mit der demografischen Entwicklung unserer Gesellschaft: Wie begegnen wir den ‚Heerscharen’ der anonymen alten Menschen bzw. Frauen auf unseren Straßen? Seit vielen Jahren thematisiert die freischaffende Künstlerin Ursula Rauch die Unterdrückung der Frau, vor allem in den afrikanischen Ländern. Diesem konsequenten Engagement wurde von der Jury mit der Zuerkennung des zweiten Preises für die Arbeit „Lange haben die schwarzen Frauen geschwiegen“ Rechnung getragen.

Evi Kirchmair-Krismer „Ströme/Strömungen“
Ebenfalls überwiegend in schwarz gehalten ist das dritte preisgekrönte Werk „Ströme/Strömungen“ der österreicherin Evi Kirchmair-Krismer, die sich mit den Problemen unserer Gesellschaft auseinandersetzt, wie z.B. der immer weiter auseinanderklaffenden sozialen Schere, den stets zunehmenden Anforderungen an jeden Einzelnen bzw. dessen überforderung sowie die vielen Flüchtlingsströme, die nahezu das Ausmaß von Völkerwanderungen erreichen. Ebenfalls mit dem (geteilten) dritten Preis ausgezeichnet wurde die Schweizerin Ursula Gerber-Senger; sie erfuhr damit eine Anerkennung für ihre konsequente Auseinandersetzung mit innovativen Materialien für das Medium Quilt, die in der diesjährigen Arbeit „Feuerzeichen“ gipfelt.
Andere kritische Werke schließen sich den preisgekrönten Quilts an, so z.B. „Hunted“ der Norwegerin Bente Vold Klausen, die damit Kritik an der Gewaltverherrlichung durch die Medien übt. Ebenso wichtig jedoch ist die Gruppe der heiteren und farbenfrohen Quilts wie „Primavera“ der Finnin Maija Brummer, „Flowers II“ von Michaela Grigoleit aus Deutschland, „Morgensterns Traum“ der Deutschen Waltraud Janzen, „Cruz“ der Schweizerin Ursula König oder „Spring Irresolution“ der Dänin Karin Østergaard.

Michaela Grigoleit „Flowers II“
Drei Arbeiten sind eigens wegen ihrer ungewöhnlichen Form bzw. Dreidimensionalität zu erwähnen: Während Wille Groenewolt aus den Niederlanden das Thema „Erosion“ adäquat umsetzt, indem sie die Ränder des rechteckigen Quilts ‚zerfurcht’, hat sich die Italienerin Mariana Frühauf mit „Scar“ völlig vom rechten Winkel gelöst und eine organische Form geschaffen, die Assoziationen an eine Baumrinde hervorruft.

Wille Groenewolt „Erosion“
Wirklich in den Raum hinein dringt die Arbeit „Höhen und Tiefen“ der Deutschen Antje Schmidt durch Kegel auf beiden Seiten, wodurch das Objekt frei zu hängen ist. Konstruktivistische Prinzipien stehen im Vordergrund bei „Seven“ (Kristine Celmina, Lettland), „überlagerungen“ (Cordula Hartung, Deutschland), „Colourbox“ (Heidi von der Mehden, Deutschland), „Drapeaux III“ (Cosabeth Parriaud, Frankreich), „La Medisance“ (Marie-Thérèse Rjewsky-Van Hee, Frankreich), „Ineinander“ (Monika Steiner, österreich) sowie „Pojagi Construction I + 2“ der in Schweden lebenden Koreanerin Jin-Sook So, deren Arbeit ganz und gar von asiatischer ästhetik geprägt ist. Zwei delikate, weißgrundige Arbeiten – und daher nur sehr schwer zu reproduzieren – bilden einen Kontrast zu den dunklen Quilts: „Blatt auf Blatt“ von Ute Baunach, die sich immer wieder als überraschend vielseitig erweist, sowie „Endurance in Antarctica“ der Irin Ann Fleeton, die bereits bei der letzten Triennale mit einer monochromen, in Weiß gehaltenen Arbeit aufgefallen war.
Nicht unerwähnt bleiben darf die Gruppe der Arbeiten, die vor allem von der Oberflächengestaltung durch Drucktechniken wie Siebdruck oder Frottage und Malerei geprägt sind, wie z.B. „Hier onder rust...“ (Els van Baarle, Niederlande), „Urban Symphony“ (Jette Clover, Belgien), „Tänzerin“ (Gisela Hafer, Deutschland), „Platform Work“ (Inge Mardal und Steen Hougs, Frankreich), „Fantastic Inner World“ (Marie-Paule Moonen, Belgien) und „Algues bleues“ (Anne Woringer, Frankreich).

Jette Clover „Urban Symphony“

Inge Mardal und Steen Hougs „Platform Work“
Nicht alle Arbeiten wollen und sollen in Schemata eingeordnet werden, sind ganz persönliche Auseinandersetzungen mit Ereignissen, die uns berühren, wie z.B. der Brand der Anna Amalia-Bibliothek, den Friderun Heil aus Deutschland sehr subtil thematisiert hat.

Friderun Heil "Anna Amalia-Bibliothek"
Keine Abbildung, keine Beschreibung wird jemals ein Original ersetzen können, und so können wir den Künstlern und uns nur wünschen, dass viele interessierte Besucher den Weg nach Heidelberg oder zu den anderen Stationen finden.
Textilsammlung Max Berk Kurpfälzisches Museum, Heidelberg: 15.10.2006 – 21.01.2007
Kreismuseum Zons: 02.02. – 09.04.2007
Textilmuseum St. Gallen/Schweiz: 03.05. - 29.07.2007
Festival of Quilts, Birmingham/England: 16.08. – 19.08.2007
Weitere Infos unter www.heidelberg.de/museum
© Kristine Scherer
