Quiltkunst

Ein bemerkenswertes Wochenende in Sachen Quiltkunst

© Gabi Mett

In Heidelberg-Ziegelhausen fanden am 14. und 15. Oktober gleich zwei hochinteressante Veranstaltungen statt:

Am Samstag hatte der Verein „Quiltkunst e.V.“ zu einem Seminartag mit Vorträgen und Diskussionen zum Thema „Möglichkeiten und Grenzen der Quiltkunst“ eingeladen. Nicht nur Mitgliedern des Vereins war es möglich, an dieser Veranstaltung teilzunehmen, sondern auch interessierten Nichtmitgliedern. Die neue Vorsitzende des Vereins, Frau Elke Krusemark-Camin, konnte so sechzig Teilnehmerinnen begrüßen, darunter namhafte Artquilterinnen aus dem In- und Ausland, denen, so wörtlich, das Thema unter den Nägeln brannte. Nach einer kurzen Begrüßung und einem Bericht zu den Aktivitäten des Vereins führte Frau Dr. Scherer, Leiterin des Textilmuseums Max Berk/Kurpfälzisches Museum, in Wort und Bild durch die Geschichte der Quilt-Triennale, wobei sie anhand der ausgesuchten Fotos deutlich zu machen wusste, welche Entwicklung die Quiltkunst in Europa durchlaufen hat. Es war interessant zu beobachten, wie der Weg von industriell gefertigten zu handgefärbten, bedruckten und gebrannten Stoffen führte, wie Plastikmaterial und Metall Eingang fanden, wie sich Nähtechniken und Ausdrucksformen änderten. Bemerkenswert aber auch, dass Arbeiten aus den achtziger Jahren ihren Bestand noch in der heutigen Zeit haben.

Wie schon Beatrijs Sterk im Textilforum wies auch Frau Dr. Scherer auf die Krise in der Quiltkunst hin. Sie führte unter anderem folgende Gründe an:
zu viele Wettbewerbe, dadurch zu wenig Bewerbungen und damit ein Verlust von qualitätsvollen Arbeiten in den einzelnen Ausstellungen
keine jungen Künstlerinnen
keine Weiterentwicklung bei den etablierten Künstlerinnen

Nach dieser pessimistischen Sicht der Dinge folgte ein Diavortrag der Künstlerin Ursula Rauch. Es war ein interessanter persönlicher Rückblick über Jahrzehnte der künstlerischen Tätigkeit. Frau Rauch machte deutlich, dass sie schon während des Kunststudiums als Exotin galt, weil sie das textile Material als Gestaltungs- und Ausdrucksmittel eingesetzt hatte. Sie hat sich allerdings nicht bewusst den Quilt als Ausdrucksform gewählt, sondern sich zu ihm hinentwickelt, ohne von den speziellen Techniken wie Quilten, Mola oder ähnlichem zu wissen. Sie hat sich außerdem immer wieder auch mit Zeichnung, Malerei, Skulptur und Objekt auseinandergesetzt, wobei die Themen MANN UND FRAU und DIE BESCHNEIDUNG DER FRAUEN IN AFRIKA bestimmend für ihre Arbeiten wurden. Bemerkenswert: Neben der Nähmaschine wurde eine Bandsäge ein wichtiges Werkzeug.

Inge Hueber, Quilterin aus Köln und Mitbegründerin der Gruppe Quiltart in England, legte dann ihre Sicht der Dinge dar und führte damit in die anschließende Diskussion. Sie stellte gleich zu Beginn die Frage, warum man sich dazu entscheidet, Quilterin, sie bezeichnet sich selbst nicht als Quiltkünstlerin, also Quilterin zu werden und führte drei Argumente an:
Das Vorhandensein von Ordnung, Tradition und Regeln. (Zwei bis drei Lagen, großes Format, nicht auf einem Rahmen, gequiltet...)
Die Möglichkeit, auf die eigene Stimme zu hören, und eigene Ideen umzusetzen. Die Freundschaften, die durch Begegnungen und Treffen mit anderen Quiltkünstlerinnen entstehen können.

Sie machte deutlich, dass unsere Arbeit in der Kunst keine Bedeutung hat und in der textilen Kunst auch nur eine kleine Nische belegt. Es sei eine überschaubare Gruppe von Menschen, die sich für unsere Arbeit interessiere, aber so gehe es eben auch vielen Künstlern in anderen Bereichen. Das könne man bedauern oder auch als gegeben akzeptieren. Sie selbst begreift diese Nische als eine Art geistige Heimat, in der man sich kennt und wohl fühlt. Sie sieht Quilterinnen als eine Gruppe von Gleichgesinnten, die sich über die ganze Welt verteilt und miteinander kommunizieren kann. Für sie ist es nicht von Bedeutung, ob eine Akzeptanz in der aktuellen Kunstszene erfolgt oder nicht. Frau Hueber setze bewusst positive Zeichen, forderte alle Quilterinnen auf, nach vorne zu sehen, an die große Freude, an die fast spirituellen Augenblicke beim Quiltmachen zu denken und unbedingt Quilts zu nähen. Auch sie gab aber auch zu bedenken, dass in der Auswahl zur Quilt-Triennale - sie war Jurymitglied – keine überraschenden und beeindruckenden Werke zu sehen waren.

In der anschließenden Diskussion wurden verschieden Aspekte aus den Vorträgen zum Anlass genommen, Fragen in die Runde zu stellen. Einige seien an dieser Stelle genannt:

Sind die engen Grenzen, die uns durch die Regeln des Quilts gegeben sind, heute noch zulässig?
Ist es sinnvoll, solche Regeln zu akzeptieren, wo doch die Strömung der Zeit dahin geht, alles mit allem zu verknüpfen und keine Regeln und Gesetze mehr zuzulassen? Führt eine Lockerung und Öffnung der Quiltkunst nicht automatisch zu einer Auflösung auch hochkarätiger Veranstaltungen und Wettbewerbe wie in Heidelberg. Man denke an die international Biennale der Tapisserie in Lausanne. Wie definieren wir Quiltkunst? Müssen wir uns um mehr Inhalt bemühen? Ist eine textile Arbeit, die auf einen Rahmen gespannt ist, noch ein Quilt? Hier gab es eine eindeutige Antwort: Nein! Kleine Arbeiten könnten aber eine solche Präsentation vertragen.
Wie kommt man zu Ausstellungen in Galerien?
Was kann ein solcher Verein wie Quiltkunst e.V. leisten?

In der ganzen Diskussion wurde deutlich, dass es keine endgültigen Antworten geben kann. Das ist auch sicherlich als ein Fazit anzusehen: Wir arbeiten weiter, wir diskutieren weiter und bestimmen so die Entwicklung der Quiltkunst. Im Anschluss an die Diskussion war noch ein langer Abend Zeit für Gespräche und Austausch. Es wurden noch einmal viele Aspekte vom Nachmittag aufgegriffen und persönlicher erörtert.

Am Sonntag wurde dann die dritte europäische Quilt-Triennale eröffnet, von vielen Künstlerinnen nach den Vorträgen und Gesprächen am Vortag mit Spannung erwartet. Frau Blum-Spicker, Direktorin des Kreismuseums Zons und ebenfalls Jurymitglied, machte in ihrer Rede ebenfalls noch einmal auf die „Stagnation auf hohem Niveau“ aufmerksam. Dieser Begriff hatte sich schon ein wenig in den Köpfen festgesetzt, konnte aber nach Betrachtung der ausgestellten Arbeiten von vielen als solches nicht bestätigt werden. Es ist keine Ausstellung mit depressiver Grundtendenz und es lohnt sich, sie sich anzuschauen. Auch Quiltkünstlerinnen muss es erlaubt sein, innezuhalten, ihre Arbeit zu überdenken und weiterzuentwickeln. Diese Entwicklung unterliegt keinem Plan und so kann es sicherlich auch einmal Jahre dauern, bis andere Tendenzen und Auseinandersetzungen bei einzelnen Künstlerinnen zu entdecken sind.

Das Wochenende hat für viele Quilterinnen positive Zeichen gesetzt. Lassen wir uns von unseren Entwicklungen überraschen und freuen uns auf erneute Begegnungen und Diskussionen im nächsten Jahr, denn eine Fortsetzung ist bereits in Planung.

Weitere Informationen zum Verein finden Sie unter www.quiltkunst-ev.de.
Zu Informationen zur Quilttriennale schauen Sie bitte unter www.heidelberg.de/museum

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